Was tun bei Übergewicht?

Jedes fünfte gesunde Kind und jeder dritte gesunde Jugendliche in Deutschland wiegt laut Statistik zu viel. Auch für Kinder und Jugendliche mit PKU stellt sich in der Praxis immer wieder die Frage, was bei Übergewicht zu tun ist.

 

Ein Beitrag von Waltraud Eberle-Pelloth (Diätassistentin, Universitäts-Kinderklinik Würzburg)

Kann man aus Übergewicht „herauswachsen“?

Unabhängig vom Vorliegen einer PKU ist es wichtig zwischen Übergewicht bei Kindern und Übergewicht bei Jugendlichen jenseits der Pubertät zu unterscheiden. Zwar trifft übereinstimmend für beide Altersgruppen zu, dass ein Zuviel auf der Waage nicht gesundheitsfördernd ist, doch hat es ein Kind durch das noch nicht abgeschlossene Wachstum etwas leichter, aus den Pfunden „herauszuwachsen“. Daher ist oftmals bereits lediglich durch die Optimierung des Speiseplans, einen sparsameren Umgang mit Süßigkeiten und das Weglassen von zuckerhaltigen Getränken bei Kindern ein Gewichtsstillstand zu erreichen und es kommt zu einem langsamen und gesunden Herauswachsen aus dem Übergewicht.

 

Gibt es bei PKU ein erhöhtes Risiko für Übergewicht?

Kinder mit PKU sind tendenziell seltener von Übergewicht betroffen, da sie sehr engmaschig unter ärztlicher und diätetischer Kontrolle stehen und bei den regelmäßigen Besuchen in der Stoffwechselambulanz mögliche Gewichtsprobleme erkannt und angesprochen werden. Somit kommt es durch diese frühzeitige Intervention in den meisten Fällen erst gar nicht zu massivem Übergewicht. Anders ist die Situation bei jugendlichen PKUlern. Häufig wird nur noch 1 x monatlich Blut abgegeben/geschickt und der Jugendliche stellt sich nur noch 1x pro Jahr zur Jahreskontrolle in der Stoffwechselambulanz vor. Parallel dazu findet auch ein „flügge werden“ des Jugendlichen aus den behüteten häuslichen Verhältnissen statt, sprich der Einfluss der Eltern auch auf das Essverhalten und auf die Auswahl der Speisen wird spürbar geringer.

 

Herausforderungen für Jugendliche

Durch Beginn einer Ausbildung, einer weiterführenden Schulausbildung bzw. dem Start eines Studiums muss der junge Mensch (auch der mit PKU) mit einer deutlich mehr auf sich selbst gestellten Situation unter häufig angespannten Zeit- und Geldverhältnissen zurechtkommen. Gerade bei der doch sehr restriktiven phenylalaninarmen Ernährung sind diese hohen persönlichen Anforderungen nur schwerlich zu leisten. Häufig übernehmen gerade die Mütter viel zu lange die Verantwortung für die phenylalaninarme Diät ihres stoffwechselkranken Kindes und geben diese Verantwortung dann nicht rechtzeitig an den Jugendlichen ab. Bedingt durch die neue Lebenssituation erlebt der Jugendliche mit PKU in puncto einkaufen/kochen und berechnen der Diät eine neue Herausforderung.

Hinzu kommen noch die ganz normalen pubertären Ablösungskonflikte des Heranwachsenden mit seinen Eltern und der Kampf um mehr Freiheiten. Bei den Patienten mit PKU auch oft ein Kampf um mehr Autonomie – nicht nur in der Lebensführung, sondern auch in der Ernährungsgestaltung. Betont sitzende Tätigkeiten, sei es in Beruf oder Studium, schränken zudem die vorher sportlichen Aktivitäten des jungen Menschen ein, doch die Verzehrgewohnheiten passen sich der neuen Lebenssituation mit geringerem Energiebedarf oft nicht an. Bei jungen Mädchen ist außerdem die Einnahme der „Pille“ oftmals auch ein Aspekt, der mit einer Gewichtszunahme verbunden ist.

Gründe gerade bei Jugendlichen mit PKU gibt es also viele, doch was ist den jungen Menschen zu raten, um von gesundheitlich schädlichen Pfunden herunterzukommen?

Die Eiweißzufuhr durch phe-freie Aminosäurenmischung ist auf keinen Fall zu reduzieren, sondern sollte bei 1,0-1,2 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht gehalten werden. Eiweiß hat einen großen Sättigungswert und ist daher ein Nährstoff, der auch bei Abnahmediäten für nicht Stoffwechselkranke gezielt eingesetzt wird (eiweißreiche Formulagetränke).

Zudem ist zu bedenken, dass auch in der Phase der Gewichtsabnahme die Phenylalaninspiegel im gewünschten Bereich bleiben sollen. Ein Zuwenig an Eiweiß würde zum Abbau körpereigenen Eiweißes und somit zu erhöhten Phenylalaninspiegeln im Blut führen und wäre somit fatal. Ob klassisches Aminosäurenpulver oder oftmals gerade die zum Mitnehmen fix und fertigen Aminosäurenmischungen und Aminosäurengetränke – hier soll auf keinen Fall reduziert werden. Hochkalorische Aminosäurenmischungen sind nicht angebracht. Auch stark zuckerhaltige Geschmackspulver (Instant-Getränkepulver) sind am besten durch stark verdünnte Fruchtsaftschorlen zu ersetzen, zumindest ist aber die Menge des Instantpulvers zu reduzieren.

Die Fettzufuhr ist einzuschränken, was durch den sparsameren Einsatz von Butter/Margarine/Öl zum Braten und Kochen zu erreichen ist. Als Streichauflage spielen Butter, Schmalz und Margarine sowie auch die nicht gerade fettarmen vegetarischen Pasten eine große Rolle. Ein Weglassen dieser Produkte ist nicht möglich, aber ein dünnerer Aufstrich bei gleichzeitigem Brotbelag von phenylalaninarmen Gemüsen (z.B. Gurke) ist ein guter Ausgleich. Auch spezielle eiweißarme „Wurstwaren“ (z.B. Loprofin Metzgers Beste) hauchdünn aufgeschnitten sind eine mögliche Variante.

Zucker und zuckerhaltige Lebensmittel einschränken

Die Kohlenhydratzufuhr – besonders die Zufuhr von Zucker und zuckerhaltigen Lebensmitteln – ist einzuschränken. Da die eiweißarme Ernährung häufig sehr zuckerlastig ist, sind gerade Patienten mit PKU an größere Mengen von Honig, Marmeladen, Sirup und phenylalaninarme Süßigkeiten im täglichen Speiseplan gewohnt. Auch hier gilt: ein völliges Weglassen der genannten Produkte ist unter eiweißarmer Ernährung nicht möglich, aber ein sparsamerer und bewusster Umgang mit diesen, durch die Jahre so populären Lebensmittel, ist praktizierbar. Lediglich auf zuckerhaltige Getränke wie Limonaden, Cola und natürlich auf Alkoholika ist gänzlich zu verzichten. Sie enthalten absolut nur „leere Kalorien“, d.h. Energie ohne jeglichen Sättigungs- und Nährwert. Leider stehen den Patienten mit PKU alternative „light“ und „zero“-Getränke aufgrund ihres jeweiligen Aspartam-Gehaltes nur unter Anrechnung der Phenylalaninmenge zur Verfügung.

Es muss daher individuell abgewogen werden, ob ein Teil der Tagesphenylalaninmenge durch derartige Getränke gedeckt werden soll oder aber dafür lieber andere, inhaltlich wesentlich wertvollere und vor allem auch sättigende Nahrungsmittel, wie z.B. Obst oder Gemüse gegessen werden.

Selbstverständlich kann phenylalaninfreier Süßstoff (Stevia, Cyclamat und Saccharin) in kleinen Mengen unbedenklich verwendet werden.

 

Zufuhr von Obst und Gemüse erhöhen

Die Ballaststoffzufuhr ist deutlich zu erhöhen, was erreicht werden kann, in dem die Gemüse -, Salat- und Obstmenge deutlich angehoben wird. Natürlich sind hier besonders die phenylalaninarmen Gemüse und Obstsorten hervorzuheben, da durch sie das Volumen der Mahlzeiten deutlich vergrößert wird und auch ein guter Sättigungseffekt erzielt wird. Auch die gezielte Verwendung eiweißarmer Lebensmittel mit hohem Ballaststoffanteil (z.B. Loprofin Haltbare Vitalkrüstchen) und die Verwendung von Weizenfasern als Zugabe zu eiweißarmem Mehl beim Brotbacken oder zu eiweißarmen Milchgetränken ist ein gutes Instrument zur Ballaststoffanreicherung.

Die Kalorienmenge sollte 1500 kcal pro Tag nicht unterschreiten, da sonst die Gefahr besteht, dass durch eine zu massive Kalorienreduktion der Abbau von Körpersubstanz einsetzt, was dann zu einem Anstieg des Phenylalaninspiegels führen würde. Den gewünschten Effekt, nämlich den Abbau von Fettpölsterchen, erreicht man am besten durch eine auf Dauer ausgerichtete, systematische, kalorienreduzierte Kost, nicht durch ein kurzzeitiges massives Kalorieneinsparen. Neben dem unerwünscht hohen Phenylalaninspiegel würde zudem dann auch der sogenannte „JoJo-Effekt“ auftreten. Hierunter versteht man, dass nach Episoden des massiv kalorienreduzierten Essens wieder das gewohnte Essverhalten aufgenommen wird, wodurch wiederum sofort die alten „Pfunde“ erneut anwachsen. Viel erfolgversprechender und gesünder ist daher eine sanftere und auf Dauer ausgerichtete Kalorienreduktion bei gleichzeitiger dauerhafter Umstellung der Essgewohnheiten, wie oben beschrieben.

Selten geht es ohne: Sport und Bewegung im Alltag

Genau wie bei allen anderen Übergewichtigen auch, spielt Bewegung aller Art und Sport auch für den übergewichtigen Patienten mit PKU eine wichtige Rolle und ist zu fördern. Es muss nicht immer das Fitnessstudio sein, sondern auch alle Möglichkeiten zu mehr Bewegung im Alltag (mit dem Rad zur Schule/ Uni/Arbeitsstelle, Treppensteigen, ein zügiger abendlicher Spaziergang) und ein körperlich aktives Freizeitverhalten sind Möglichkeiten, mehr Fitness ins Leben zu bringen.

 

Viel Trinken

Die tägliche Trinkmenge soll beim Jugendlichen in der Abnehmphase bei mindestens 2 - 2,5 Liter am Tag liegen. Hier sind besonders Mineralwasser, ungesüßte Tees und sehr stark verdünnte Apfelsaftschorlen als geeignete Getränke zu nennen. Alkohol ist nie eine Empfehlung – an dieser Stelle ist anzumerken, dass Alkoholika große Energieträger sind und somit neben den bekannten Gesundheitsgefahren auch nicht als Getränk zum Abnehmen dienen.

Der übergewichtige Patient mit PKU hat es deutlich schwerer, sein Gewicht bei gleichzeitig guten Phenylalaninspiegeln zu reduzieren, da er erheblich in der Auswahl der Lebensmittel und Speisen eingeschränkt ist. Daher ist es sinnvoll, diesen Prozess zusammen mit einer erfahrenen Ernährungsfachkraft aus einem Stoffwechselzentrum zu planen, und sich durch regelmäßige Beratungsgespräche immer wieder, neben vielen fachlichen und kreativen Ideen, die dafür nötige Motivation für das Durchhalten auf dem Weg zum Ziel Normalgewicht zu holen.

Sie haben es geschafft und möchten Ihre Geschichte mit anderen Familien teilen? Oder haben eventuell weitere Tipps? Melden Sie sich gerne bei unserer Helpline telefonisch unter 00800-74773799 oder per E-Mail an info-metabolics@nutricia.com.